Theater einmal anders...

Sloughis tanzen Ballett

von Romina Schritt 

 

 

"Giselle". Ein romantisches Ballett, das seit Dezember 97 im Hessischen Staatstheater Wiesbaden zu sehen ist. Erdacht von Theophile Gautier, choreographiert von Jean Coralli. Mit der Musik von Adolphe Adam, war die Uraufführung 1841 in Paris.

Vor etwa einem Jahr hätte ich nicht einmal sagen können, wer oder was "Giselle" überhaupt ist. Nun war ich schon ungefähr 24mal in dem Stück, denn ich bin Statist. Was vielleicht für manchen ungewöhnlich erscheint, denn ich gehe noch zur Schule. Statist zu sein ist nicht schwer. Ca. eine Viertelstunde nach Beginn des Stückes kommt die Jagdgesellschaft, bestehend aus 6 Hofdamen und -herren, 2 Wildschweinen, dem Prinzen von Kurland, seiner reizenden Tochter und last but not least meiner Schwester Melanie und mir mit insgesamt 5 unserer Hunde auf die Bühne.Angekommen auf der Bühne und in Position gebracht, verweilen wir für ungefähr eine halbe Stunde, in der wir den Bauersleuten zuschauen.
Diese tanzen für uns, um uns willkommen zu heißen, dabei sehen wir auch "Giselle".
Danach wird bei Hörnerklang wieder sehr vornehm abmarschiert mit dem Rest der Jagdgesellschaft. 
So sieht eine ganz normale Vorstellung aus, ganz einfach, oder?
Doch bevor es so gut geklappt hat, musste ein langer Weg gegangen werden und viele Fragen mussten geklärt werden:

1. Wie verhalte ich mich auf der Bühne?
Locker bleiben, sich entspannen und immer vornehm und höfisch schauen. Das sagt sich so einfach!

2. Wie schminke ich mich richtig?
Oje, das hat Fingerspitzengefühl und richtige Beratung von meiner Schwester erfordert.

3. Wie komme ich in dieses enge Kleid hinein?
Fragen Sie lieber nicht.

4. Wie bekomme ich die Hunde dazu, auf der Bühne so ruhig zu bleiben?
das war wahrscheinlich das Einfachste überhaupt, obwohl ich das immer wieder gefragt werde. Aber manchmal wünschte ich, ich wäre auf der Bühne so ruhig wie die Hunde!

Dann hatte ich noch meinen Platz auf der Bühne zu finden und es konnte losgehen. Am Abend der Premiere wurde man überhäuft von Glückwünschen und toi,toi,tois von Mitgliedern des Ensembles. Die Premiere im Wiesbadener Staatstheater überstand ich mit viel Herzflattern und gespannter Neugierde. Herzflattern wegen des Publikums. Es war am Anfang schon ungewöhnlich, vor so vielen Personen auf der Bühne zu stehen und ihnen vorzuspielen, eine Andere zu sein. Immerhin passen ins "Große Haus" des Theaters über 1200 Personen hinein. noch interessanter ist es aber hinter der Bühne. Wie ist die Stimmung und wie verhalten sich die Akteure persönlich?

Vorausgesetzt man hatte den Weg durch den Dschungel von 3 Stockwerken und all den Umkleidekabinen, Maskenabteilunge, etc. geschafft. Wenn man also die neusten Gerüchte aus verschiedenen Ecken "zufällig" mitbekommt, während man sich durch die zahllosen Gänge bewegt, sieht man die Tänzer!  -innen beim Aufwärmen und Anziehen. Die Stimmung in den Gängen ist gelöst und locker und alle sind ziemlich nett. Das macht es einem völligen Neuling am Theater wie mir leicht, dazuzugehören. Man lernt das Ensemble, bestehend aus 40 Leuten, schnell kennen. Die Verständigung fällt allerdings schwer, denn die Tänzer!  -innen sind fast ausschließlich russischer, spanischer oder italienischer Herkunft. Viele kommen ab und zu, um die Hunde vor der Vorstellung mal zu streicheln, dabei kommt es auch schon vor, dass sie einen Hund mit Namen wiedererkennen.

Das Thema "echte Hunde am Theater" war anfangs von vielen etwas kritisch betrachtet worden, weil sie sich nivht vorstellen konnten, dass die Hunde nicht bellen oder aufgeregt herumspringen. Doch längst sind die Sloughis zum festen Bestandteil von "Giselle" geworden, die, wie alle anderen auch, ihre Gage erhalten. Unsere tapfere Crew besteht aus: Platon, Vashima, Kamal, Chimara und Orani. Ersatzhunde sind noch: Taban, Latafa und Nadida. Alle von ihnen lieben es geradezu, auf die Bühne zu gehen und sich zu präsentieren. Meistens legen sie sich, auf unserem Platz angekommen, irgendwann hin, schließen die Augen und lauschen der Musik. Man muss sagen, dass sie von Anfang an sehr souverän aufgetreten sind und gar keine großen Probleme hatten, sich an alles zu gewöhnen. Was uns zugegeben auch ein wenig überraschte.

Besonders befürchteten wir, dass die Hunde vor dem (präparierten) Wildschwein, das mit der Jagdgesellschaft auf die Bühne getragen wird, abgelenkt würden. Doch nach eingehendem Schnuppertest war das Wildschwein nicht mehr so interessant, wie es von weitem aussah.

Ich erinnere mich immer wieder gern an einer der ersten Proben: Die Hunde waren gerade richtig aufgekratzt und wollten überall hin, ich war damit beschäftigt, sie überhaupt an der Leine zu halten. Da ruft doch der Regisseur durchs Mikro, dass er es gut fände, wenn sich die Hunde jetzt setzten würden. Was sollte von mir anderes kommen als ein gequälter Blick? Ich kenne doch meine Hunde! Hoffnungsvoll schaute ich an mir herunter auf Platon, der zu sagen schien: "Ich soll "Sitz" machen? Vergiss es, ich sehe hier weder einen Sessel noch ein weiches Fell zum Liegen. Aber wenn du mich loslässt, würde ich mich auf den Schoss der Frau da vorne setzten... Oje... Es mehrere ganz lustige Sachen passiert, aber es würde zu lange dauern, sie alle zu erzählen.

Eine davon war so:
 Am Anfang des Stücks hat "Giselle" eine Blume, von der sie ihre Zukunft erfahren will, indem sie ein Blatt nach dem anderen abreißt. Am Schluss wirft sie die Blume hinten auf die Bühne. Doch leider hat sie die Blume genau dort hingeworfen, wo ich nachher mit meinen Hunden stand. Nun, Nadida hat diese Blume ganz schnell entdeckt und angefangen, sie spielerisch herumzuwerfen. Um dies zu verhindern, habe ich mich auf die Blume gestellt. Doch Nadida, die Kleine, versuchte nun, unter meinen Rock zu krabbeln. Ich hatte alle Hände voll zu tun, sie unter meinem Rock hervorzuholen, und dies muss für den Betrachter richtig lustig ausgesehen haben. Mein Vater sagte mir später, ich solle mich doch von solchen Ereignissen nicht aus der Ruhe bringen lassen und so tun, als wäre alles genauso, wie es sein sollte. Immer schön lächeln und ins Publikum schauen.

 Mittlerweile haben wir auch 8 Gastauftritte im Darmstädter Staatstheater absolviert. Dieses Gebäude ist mindestens fünfmal verwirrender als das in Wiesbaden. Verzweifelt fragt man Tänzer nach dem Weg und merkt, das diese nur Russisch sprechen. Doch auch Darmstadt haben wir gut überstanden. Und nun, nach 24 Vorstellungen, ist jeder Auftritt Routine geworden, d.h. man hat kein Lampenfieber mehr, aber mindestens genauso viel Spaß wie immer! 

 

(Veröffentlicht Dez. 98 im der Zeitschrift Unsere Windhunde)

 


Das "Schuru-esch-Schams -Ensemble" war 1998/1999 im Staats-Theater in Wiesbaden zu sehen, als Bestandteil der adligen Jagdgesellschaft des Prinzen von Curland in dem romantischen Ballett GISELLE.

Die Fünfergruppe Sloughis geführt von Melanie und Romina Schritt war allabendlich über eine halbe Stunde auf der Bühne und avancierte durch ihre Ruhe und Souveränität zum Publikumsliebling.

Viele Sloughi-Besitzer haben sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen.

Nachfolgend zwei Bilder von einer Aufführung in Wiesbaden (Fotos: Müller)


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